rent-a-guide unterwegs – St. Pauli Kieztour

rent-a-guide unterwegs - St. Pauli Kieztour

Es ist Freitagabend, kurz vor halb sieben. Auf'm Kiez ist noch nicht viel los, es tummeln sich mehr Anwohner als Touristen auf den Straßen des Hamburger Stadtteils St. Pauli. Wir schlendern in Richtung Wohlwillstraße - und sind doch viel zu früh am Hauptquartier und gleichzeitigem Treffpunkt der St. Pauli Kieztour vom St. Pauli Tourist Office. Doch das macht gar nichts, denn das Büro samt Team lädt ein, noch ein wenig zu verweilen, das ein oder andere Getränk zu sich zu nehmen (gegen Spende) oder im angeschlossenen Shop zu stöbern. Wir halten uns an eine bekannte Hamburger Cola und warten draußen auf Max, unseren heutigen Guide, der, wie alle anderen Guides hier, echter St. Paulianer ist.

Tourguide Max von der St. Pauli Kieztour

Nachdem alle Gruppenmitglieder, wir sind insgesamt rund 15 Gäste, beisammen sind und Max sich (insgesamt drei Mal) vorgestellt hat, startet unsere Tour und wir spazieren vom Office aus zu der Stelle wo der Hamburger Berg auf die Simon-von-Utrecht-Straße trifft. Hier, wo einst der Grundstein für das heutige St. Pauli gelegt wurde, gibt Max uns ein wenig Geschichtsunterricht und wir erfahren, wie der Hamburger Stadtteil zu dem wurde, was er heute ist, wie die Reeperbahn zu ihrem Namen kam und warum der Hamburger Berg eigentlich Hamburger Berg heißt (geschätzte fünf Höhenmeter sind für den Hansestädter eine enorme Steigung!). Aber Max spricht auch von der Gegenwart und der Zukunft, bei der niemand so genau weiß, wie die auf St. Pauli eigentlich aussieht. Gentrifizierung, oder auch "Latte-macchiato-isierung" genannt, machen den Kiez zu einem hippen Viertel, mit immer mehr "Lounges" und In-Cafés und steigenden Mietpreisen. Dass das den St. Paulianern nicht wirklich gefällt, merkt man schon jetzt an der Art, wie Max darüber berichtet. Doch im Laufe der Führung wird auch uns Tourteilnehmern klar, was das eigentlich genau bedeutet.

an der Davidwache

Die Davidstraße

Unser Weg führt uns dann zur berühmten Davidwache, dem kleinsten Polizeirevier Deutschlands, das allerdings gleichzeitig die größte Beamtendichte im Vergleich zu seiner Größe aufweist. Hier erzählt Max uns von den Gepflogenheiten auf der Davidstraße und vom umsatzstärksten Geldautomaten Deutschlands, der gegenüber auf der anderen Straßenseite eigentlich recht unscheinbar herum steht. Doch 29 Millionen Euro Umsatz pro Jahr sprechen für sich.

da wo einst die Tanke stand...

St. Pauli im Wandel

Nach einem kurzen Stopp am Spielbudenplatz halten wir dort, wo bis Mitte Dezember 2013 noch die berühmte Esso-Tankstelle und der dazugehörige Gebäudekomplex stand. Die offizielle Erklärung lautet, dass Tankstelle und Gebäude auf Grund von Einsturzgefahr abgerissen wurden. Fakt ist, dass mit der Tankstelle nicht nur ein Kultobjekt und Treffpunkt für die Feiernden verschwunden ist, sondern auch eine große Zahl an Menschen ihre Heimat verloren hat - und diese so auch nicht wiederbekommen wird. Denn bezahlbarer Wohnraum wird knapp auf St. Pauli. Anstatt mehr Wohnraum zu schaffen, werden hauptsächlich Bürokomplexe gebaut, wie die "Tanzenden Türme" ein paar Meter weiter, um die Stadt zu modernisieren und Weltoffenheit zu zeigen. Und so wird immer mehr Geld nach St. Pauli getragen - und die finanziell Benachteiligten werden an den Stadtrand gedrängt. Auch wenn im Neubau, dort wo einst die Esso-Tankstelle stand, zumindest rund 30 % Sozialwohnungen entstehen sollen.

Hans Albers

Ausgehtipps

Nach dem kleinen, ernsthaften Exkurs, der uns auch zur Kaffeeklappe führt, einer Einrichtung für die Prostituierten, oder Sexarbeiterinnen, wie man mittlerweile auch sagt, um ihnen ein wenig Alltag zu bieten, schlendern wir weiter zum Hans-Albers-Platz. Hier haben nicht nur ein paar der Mädels Spaß daran, unsere Gruppe - und Hans Albers - aufs Korn zu nehmen, sondern Max gibt uns auch ein paar Tipps zur Abendgestaltung nach der Tour - vom Irish Pub, über den Rockladen, bis zum Abschleppschuppen, Max hat für jeden die passende Location. Unsere Gruppe führt er in die Kneipe "Zum Silbersack" für eine kleine Tourpause. Bei einem kühlen Astra genießen wir die urige Atmosphäre der Eckkneipe, in der sogar noch geraucht werden darf.

Astra

Als wir uns nach einer guten halben Stunde wieder auf den Weg machen, hat es angefangen zu regnen. Also, zumindest ist es für alle Nicht-Hamburger Regen, die Einheimischen können über die paar Tropfen nur müde lächeln. Wir gehen zur "Ritze", der legendären Hamburger Location und Max erzählt uns ein bisschen von der bewegten Geschichte der Kneipe, bevor wir uns zum vorletzten Stopp aufmachen: der St. Joseph Kirche an der Großen Freiheit.

St. Joseph

Max erzählt einen Schwank aus seiner Abizeit, wo er und seine Stufenkollegen gerne auch einfach mal hier auf der Großen Freiheit auf der Straße gefeiert haben und macht noch einmal die Gegensätze deutlich, die hier herrschen. Denn während auf der Großen Freiheit die Clubs sonntags früh die letzten Feierwütigen auf die Straße setzen, finden sich die Gläubigen zur Messe ein. Über die Schmuckstraße, den Transvestiten-Strich, geht es schließlich zurück zum Hamburger Berg, wo die Tour mit ein paar letzten Ausgehtipps von Max endet.

Fazit

Max hat nicht zu viel versprochen, als er zu Beginn der Führung sagte, dass wir in den folgenden zwei bis zweieinhalb Stunden seine Sicht auf St. Pauli bekommen werden. Neben den Klassikern, die wohl die meisten Touristen auf einer Führung über den Kiez erwarten, hat er uns außerdem einen Einblick in das gegeben, was es (für ihn) heißt, auf St. Pauli zu wohnen und zu arbeiten. Mit seiner lockeren und angenehmen Art hat er es geschafft, die Gruppe die komplette Zeit aufmerksam zu halten - und selbst die Hamburger unter den Gästen haben noch einige neue Dinge über ihre Heimatstadt erfahren. Und auch wenn er es mit einem Augenzwinkern und einem breiten Grinsen gesagt hat, möchte ich Max doch Recht geben, dass er zumindest einer der besten Tourguides ist, den man sich je hätte erträumen können 😉 Eine Tour bei ihm - oder einem seiner Kollegen vom Office - ist in jedem Fall all denen zu empfehlen, die mehr wollen als Show, pinke Perücken und Standard-Touristen-Programm.

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